Die Idee

Biokratie

(engl. biocracy; gr. bios, Leben + kratein, (vor)herrschen) ist eine hypothetische Regierungsform, in der alles Leben eine mitbestimmende Funktion einnimmt. Mit anderen Worten beschreibt der Begriff ein Konzept, das Fauna und Flora eine Teilhabe an der Staatsführung zuschreibt und die Natur als eine den physischen Weltraum regulierende Kraft auszeichnet. Somit ist die Biokratie als Staatsform als eine Erweiterung der Demokratie zu sehen, in welcher allein das Volk eine wesentliche Partizipation an der Herrschaft hat. Drei Hauptaspekte der Biokratie sind die Umweltwissenschaften, die (Umwelt)ethik und das Umweltrecht (sowie Tierrecht).

Hintergrund und Problematik

Vor dem Hintergrund einer weltweiten Ressourcenverknappung, zunehmender Umweltbelastungen sowie Artensterben, insbesondere zurückzuführen auf das unverantwortliche Handeln von wirtschaftlichen Akteuren und einen verschwenderischen Lebensstil der Industriestaaten, hat sich in den vergangenen Jahren in Gesellschaft und Politik ein erhöhtes Bewusstsein für nachhaltige Praktiken und Denkweisen entwickelt, um der Ausbeutung der Erde entgegenzuwirken, zum Wohle nachfolgender Generationen. Allerdings konnte bislang nur vereinzelt eine Besserung erzielt werden und Bemühungen um Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiges Wirtschaften werden nur schleppend umgesetzt. Dies hängt mit einem weitgehenden Wirtschaftsliberalismus zusammen, welcher immer noch den ökonomischen Aspekt vor soziale und ökologische Belange platziert, zudem mit mangelnder Transparenz sowie einer nur vagen bis fehlenden Formulierung von Gesetzen, die (unternehmerische) Nachhaltigkeit behandeln. (Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene handelt es sich dabei größtenteils lediglich um sog. Soft Laws).

Die Staatsform Biokratie

ist eine erweiterte Demokratie, in der nicht allein die Menschen, sondern sämtliche Lebewesen als Staatsvolk anerkannt, mit Grundrechten ausgestattet und parlamentarisch vertreten sind.

 

Die Entwicklung der Staatsformen von der Monarchie über die Oligarchie zur Demokratie markiert eine schrittweise Erweiterung des Kreises derjenigen, die zur staatlichen Willensbildung beitragen. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund ist die Erweiterung der Demokratie zur Biokratie folgerichtig.

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Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung sind in der Biokratie so organisiert, dass die existenziellen Interessen und Rechte nicht allein der Menschen, sondern sämtlicher Lebewesen – unter Einschluss zukünftiger Generationen - ausgewogen berücksichtigt werden.

Die Staatsform Biokratie bedeutet: Die Menschenwürde achten, sämtliches Leben in seiner Vielfalt würdigen, Leben erhalten und fördern, Wertkonflikte in gewissenhafter Abwägung entscheiden und bedrohtes Leben entschlossen verteidigen. 

Die Staatsform Biokratie verwirklicht nicht nur ein ethisches Leitbild, in dem der Mensch die Natur als Partner ernst nimmt. Die Biokratie ist darüber hinaus Teil einer Überlebensstrategie für den Menschen, der gegenwärtig seine eigene Existenz durch Raubbau an der Biosphäre und an deren Artenreichtum gefährdet.

Wird unser Planet mit staatsrechtlichen Begriffen beschrieben, dann ist das Staatsgebiet die Biosphäre – im Wasser, zu Lande und in der Luft. Das Staatsvolk ist die Gesamtheit aller Lebewesen. Die Staatsgewalt ist die Evolution allen Lebens.

Die Evolution ist rechtssetzende, rechtssprechende und vollziehende Gewalt, indem sie allen lebenden Arten die Mindestanforderungen für das Überleben vorgibt, Defizite und Verstöße registriert und die Auslöschung von Arten – und sei es der Mensch – vollstreckt.

Die Erweiterung der Demokratie zur Biokratie ist also kein Gnadengeschenk des Menschen an die Evolution, sondern der Selbstrettungsversuch des Menschen, die Mindestanforderungen der Evolution für sein Überleben durch Anpassung seiner Staatsform und gesamten Rechtsordnung so gut und so rechtzeitig zu erfüllen, dass er der Auslöschung durch die Evolution zuvorkommt.

Auf internationaler Ebene sind die Vereinten Nationen aufgefordert, die Erklärung der Menschenrechte durch eine Erklärung der Rechte der Natur zu ergänzen. Die Vereinten Nationen müssen Verantwortung nicht nur für alle Menschen in allen Staaten, sondern darüber hinaus für alle Lebewesen in allen Staaten übernehmen.

Als weltweit sichtbares Signal sollten die Vereinten Nationen neben der Flag of United Nations eine Flag of United Nature hissen, die den Menschen als eine Art unter vielen lebenden Arten darstellt, mit denen er in Harmonie leben muss.

Mit dem Biokratie-Preis werden Leistungen ausgezeichnet, die in besonders wirksamer Weise zu einer stärkeren Ausrichtung der Rechtsordnung an der Verantwortung gegenüber allem Leben beitragen. Preiswürdig sind neben rechtswissenschaftlichen Arbeiten auch naturwissenschaftliche, umweltpädagogische oder politische Leistungen.

Dr. Georg Winter, HAUS DER ZUKUNFT Hamburg

 

AKTUELLE ENTWICKLUNGEN

Patcha Mama

Viel zu wenig bekannt: Ecuador hat am 28. September 2008 in seiner Verfassung der Natur Eigenrechte zugesprochen. Artikel 7 der Verfassung legt fest, dass die Natur, die jegliches Leben hervorbringt ein Recht darauf hat zu existieren und darauf sich selber (ihre Kreisläufe, Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse) zu reproduzieren. 

Britische Grüne fordern Rechte der Natur

Im Februar haben die Grünen Großbritanniens in ihrer neuen Grundsatzerklärung die Forderung nach der Festschreibung von Eigenrechten der Natur in der britischen Verfassung verabschiedet. 

Kükentöten vor Gericht

Mit der bundesweit umstrittenen, massenhaften Tötung männlicher Küken beschäftigte sich am 20. Mai das Oberverwaltungsgericht in Münster. Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) hatte schon 2013 diese Praxis in Nordrhein-Westfalen verbieten wollen. Das Verwaltungsgericht Minden hat ein Verbot wieder einkassiert. Nun ist die nächste Instanz an der Reihe. Weitere Verfahren an den Verwaltungsgerichten im Land sind anhängig.