Vortag
Gemeinwohl braucht Mitwelt. Die Natur als gleichwertiger Partner
von Helmut Scheel
Der folgende Text basiert auf einem Vortrag von Helmut Scheel, Vorstand im Netzwerk Rechte der Natur e.V., bei der GWÖ Gruppe Allgäu mit dem Titel „Gemeinwohl braucht Mitwelt. Die Natur als gleichwertiger Partner“. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie unser Verhältnis zur Natur neu gedacht werden kann und welche Rolle die Rechte der Natur für eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise spielen.
Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass Natur nicht nur eine Ressource für wirtschaftliches Handeln ist, sondern die Grundlage allen Lebens und Wirtschaftens bildet. Der Vortrag verbindet Perspektiven der Gemeinwohlökonomie mit der Idee, die Natur als eigenständigen Teil des Gemeinwohls anzuerkennen. Dabei werden ökologische Kreisläufe, die Grenzen des heutigen Wirtschaftssystems und internationale Beispiele für Rechte der Natur betrachtet.
Mehr als „Umwelt am Rand“
Die Natur schenkt uns vieles. Ohne sie gäbe es kein überleben, also auch keine Wirtschaft. Die Natur kann ohne uns sein. Einen Planeten ohne Menschen gab es die längste Zeit in seiner Geschichte. Wir sind ein Wimpernschlag in seiner Geschichte. Wie sähe die Welt aus, wenn wir unsere Lebensgrundlage zerstört haben werden? Ich habe Ihnen drei Bilder mitgebracht: Eine Stadt ein Jahr ohne Menschen! Nach 10 Jahren ohne Menschen und nach 100 Jahren ohne uns. Das was wir Natur nennen, hat sich unsere derzeitigen Räume zurückgeholt. Die Natur kommt ohne uns klar, aber wir nicht ohne sie.
Was schätzen Sie: Wie viel Prozent des weltweiten Wirtschaftens ist direkt oder indirekt von der Natur abhängig?
Laut Studien sind es über 50 Prozent des globalen BIP – rund 44 Billionen US-Dollar Wertschöpfung hängen moderat bis stark von natürlichen Leistungen ab: von fruchtbaren Böden, sauberem Wasser, Bestäubung und Klimastabilität. Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Lebensmittel, aber auch riesige Teile der Lieferketten in Chemie, Transport und Tourismus: Wir brauchen gesunde Böden, aber wir töten jedes Leben darin ab. Wir sind zu über 70% Wasser, aber wir vergiften es. Wir können nur in einem kleinen klimatischen Temperaturbereich gut leben, aber wir machen die Atmosphäre zum Backofen, in welchen wir statt das Brot geschoben sind.
In unserer Wirtschaftslogik wird die Natur derzeit vor allem als kostenlose, ausbeutbare Ressource gedacht. Wie einst die Sklaven im Eigentumsrecht der Antike: Eigentum, über das der Besitzer verfügen konnte, bis hin zum Verkauf oder zum Tod. Gott sei Dank gehört Sklaverei heute zur Schande der Menschheitsgeschichte, nicht zur Normalität und schon gar nicht zur Normativität. Die Menschenwürde ist unantastbar, wie unser Grundgesetz und die UN-Charta der Menschenrechte sagen.
Wenn sich die Menschenrechte durchsetzen konnten, dann ist klar: Kein menschliches Recht muss für immer so bleiben, wie es heute ist. Menschgemachte Gesetze sind veränderbar – Parlamente beschließen sie, Gerichte interpretieren sie, Generationen schreiben sie um. Das ist ihr Wesen und ihre Stärke.
Naturgesetze dagegen sind keine Beschlüsse. Sie sind keine Vereinbarungen. Niemand hat sie erfunden, niemand kann sie abschaffen. Die Thermodynamik kennt kein Veto. Die Photosynthese wartet nicht auf Genehmigung. Kohlenstoffkreisläufe, Wasserhaushalt, Bodenbiologie – sie folgen den Gesetzen der Physik, der Chemie, der Biologie. Immer. Ohne Ausnahme.
Das bedeutet: Wenn menschgemachte Gesetze gegen Naturgesetze verstoßen, verlieren nicht die Naturgesetze. Es verlieren wir. Ein Recht, das ökologische Wirklichkeit ignoriert, produziert am Ende nicht Freiheit, sondern Folgekosten.
Sein, Natur und Kreisläufe
Für mich ist hier ein Gedanke besonders wichtig: „Sein ist besser als Nichtsein,“ von Pierre Teilhard de Chardin. Er formulierte diese Grundintuition so: Sein ist an sich etwas Gutes, verwerfenswert ist nicht das Seiende, sondern das radikale Nichtsein.
Aus dieser Perspektive ist die Natur kein bloßes Rohstofflager, sondern ein selbstverständliches, schützenswertes Sein. Natur hat ein Recht, zu sein, und damit auch ein Recht auf Unverletzlichkeit, auf Gesundheit und auf intakte Kreisläufe, damit sie sich entwickeln kann.
Diese Intuition verbindet sich mit einem Naturgesetz: dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Er sagt: Energie geht nicht verloren; sie wird nur umgewandelt.
In der Natur geht nichts verloren. Wirklich nichts. Was stirbt, wird Nahrung. Was verrottet, wird Boden. Was verbrennt, wird Asche, wird Mineral, wird wieder Leben.
Denken wir es durch: Ein Baum wächst jahrzehntelang. Er bindet Kohlenstoff, gibt Sauerstoff, hält Wasser, bietet Lebensraum für Tausende von Arten. Er stirbt. Fällt um. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit: Pilze zersetzen das Holz, Käfer bohren sich hinein, Bakterien verwandeln die Fasern in Humus. Aus diesem Humus wächst der nächste Baum. Kein Rest. Kein Abfall. Keine Deponie.
Oder nehmen wir uns selbst: Wir atmen Sauerstoff, den Pflanzen aus Sonnenlicht und CO₂ produziert haben. Wir essen, was Böden tragen, die Jahrmillionen entstanden sind. Was unser Körper nicht braucht, gibt er zurück – als Nährstoff, als Wärme, am Ende als Materie, die sich in den großen Kreislauf einreiht.
Die Natur kennt keine Einbahnstraße. Alles kreist. Alles kehrt wieder. In veränderter Form, aber ohne Verlust. Was die Natur produziert, ist immer gleichzeitig Rohstoff für das Nächste. Sie wirtschaftet seit Milliarden von Jahren – ohne Abfall, ohne Schulden, ohne Sanierungsfall.
Jenseits von jeglicher Romantik ist es Physik, Chemie und Biologie in ihrer reinsten Form.
Auch die Ökonomie hat dieses Prinzip dem Grunde nach erkannt. Wir reden von „Kreislaufwirtschaft“ oder „Circular Economy“.
Aber: Wir setzen es nur partiell um. Kunststoffe werden wiederverwendet, aber mit stofflichen Verlusten, die wir „Abfall“ oder „Müll“ nennen. In Müllverbrennungsanlagen wird daraus noch Energie gewonnen, doch am Ende bleiben Reststoffe, die nicht mehr verarbeitbar sind. In der Natur gibt es so etwas nicht: Sie kennt keinen „Rest“, der dauerhaft unverwertbar bleibt. Unsere Wirtschaft dagegen schon – und das nenne ich eine ‚kastrierte Kreislaufwirtschaft‘: Ein System, das nur so tut, als wäre es kreislauffähig, in Wahrheit aber immer wieder Abfall produziert.
Würden wir fossile Energien in einer naturnahen Kreislaufwirtschaft nutzen, müssten wir das CO₂, das wir freisetzen, wieder in vergleichbare Formen und Räume zurückführen, also in geologische Speicher oder langfristige Bindungen.
Dazwischen könnten Reparatur, Umnutzung, Zerlegung und Rückführung in möglichst hohe Stoffwerte stattfinden. Eine wünschenswerte Theorie wäre: Wirtschaft, die sich an den natürlichen Kreisläufen orientiert, statt an der gewohnten linearen Entwicklung: Entnahme, Verbrauch, Abfall.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Physikalisch verschwindet nichts. Aber Stoffe und Energie verlieren ihre nutzbare Ordnung. In der Physik wird dies als Entropie beschrieben. Genau hier entsteht das Problem unserer Wirtschaft: Sie verwandelt geordnete ökologische Zusammenhänge in zerstreute Stoffe, Abwärme, Schadstoffe und Sanierungskosten. Das nennen wir dann Wachstum, obwohl es oft nur teuer verwalteter Verlust ist.
Monetäre Entropie
In der Realität sieht es folgendermaßen aus: Wir nutzen Natur, als wäre sie kostenfrei, und monetarisieren vor allem die Folgen ihrer Zerstörung.
Stellen Sie sich ein System vor, in dem wir die Natur wie einen Lieferanten bezahlen müssten, wenn wir sie nutzen oder ihre Strukturen verletzen. Der Preis würde sich an den Kosten orientieren, die entstehen, um die Schäden zu heilen oder zu reparieren. Und diese Kosten müssten sofort beim Eingriff an die Natur entrichtet werden.
So entstünde eine „Naturbank“: Geld, das bei Schädigung fällig wird, fließt an diejenigen, die später restituieren, etwa für Rückbau, Wiederaufforstung oder den Wiederaufbau von Ökosystemen. Jede weitere Umwandlung und Veredelung von Naturprodukten müsste mit den Kosten für die Rückführung in den ursprünglichen Zustand verrechnet werden. Legierungen müssten zerlegt werden, dadurch würden Ewigkeitschemikalien praktisch unbezahlbar.
In diesem Modell wird die Natur zu dem, was sie in Wahrheit ist: der größte Player in unserem Wirtschaftssystem. Unsere Wirtschaftslogik geht davon aus, dass Energie und Materie in immer höhere Entropie übergehen, also in Unordnung, Abfall, Zerstörung. Nehmen wir eine Plastikflasche: Produziert – genutzt – weggeworfen – verbrannt. Was bleibt? CO₂, Giftstoffe, Sanierungskosten. Und das nennen wir „Wachstum“. Doch in Wahrheit ist es nur teuer verwalteter Verlust; ich nenne das die „monetäre Entropie“: Wir monetarisieren die Zerstörung und nennen es Wirtschaftswachstum.
Am Ende wird die Zerstörung zum Wachstumstreiber: BIP, Umweltkatastrophen, Krankheiten, Unfälle, Reparaturen, all das „steigert“ die Wertschöpfung, obwohl es für die Natur und die Menschen ein Verlust ist.
Das kann nicht die Grundlage unseres Wirtschaftens sein und schon gar nicht im Geist der Gemeinwohlökonomie. Die Gemeinwohlökonomie hat dafür bereits ein Instrument: die Gemeinwohl-Matrix. Es geht ihr um mehr als Gewinn, sie implementiert Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung. Der nächste logische Schritt wäre, Natur und Lebewesen als Mehr als Ressource zu bilanzieren, als reale Mitwelt, als gleichwertigen Teil des Gemeinwohls.
Natur als Rechtsperson
Gedankenspiel: Was wäre, wenn die Natur als Rechtssubjekt im Gemeinwohl mitgedacht würde, ähnlich wie eine Stiftung oder ein Verein? Heute sind Firmen, Stiftungen und Vereine Rechtspersonen in unserem Rechtssystem. Sie können selbst klagen, verklagt werden und Eigentum halten. Der Natur wird dies vorenthalten, obwohl sie der größte Akteur unserer Wirtschaft ist. Doch in Ecuador, Neuseeland oder Spanien zeigt sich: Es geht mehr als um klassische zivilrechtliche Rechtsfähigkeit, sondern um die Anerkennung als Trägerin eigener Belange.
In Ecuador sind die Rechte der Natur in der Verfassung verankert; seit 2008 ist die Natur als Rechtsträgerin anerkannt.
In Neuseeland wurden Flüsse und ein Berg zu Rechtspersonen erklärt; in Spanien die Lagune Mar Menor: Ein Rechtssubjekt mit eigenem Vertretungsorgan und Schutzrechten.
Diese Rechtsfiguren zeigen: Es ist möglich, Natur jenseits eines Gegenstand zu denken, als ein Wesen mit Rechten. Rechte auf unverletztes Sein, auf intakte Kreisläufe und auf nicht total ausbeutbare Nutzung.
Wenn die Natur als gleichwertige Rechtsperson in unser System eingelassen würde, spielte sie als Big Player im Gemeinwohl mit. Dann hätte sie eine machtvolle Stimme, entsprechend ihrer Bedeutung, und die großen Wirtschafts- und Technokonzerne wären keine systemischen Autokraten.
Rechte der Natur schaffen etwas Grundsätzliches: Sie machen sichtbar, was immer schon gilt.
Die Naturgesetze waren zuerst da. Physik, Chemie, Biologie – sie bilden die Grundlage, auf der alles andere ruht. Auch unsere Rechtssysteme. Auch unsere Wirtschaft. Auch unser Leben. Rechte der Natur übersetzen diese Wirklichkeit in juristische Sprache. Sie sagen: Unsere menschgemachten, veränderbaren Gesetze ordnen sich den unveränderlichen Gesetzen der Natur unter. Bewusst. Ausdrücklich. Verbindlich.
Das verändert den Maßstab, nach dem Verwaltung, Wirtschaft und Politik entscheiden. Ökologische Zusammenhänge werden rechtzeitig mitgedacht – bevor Schäden entstehen, nicht danach.
Und es verändert unser Selbstverständnis. Wir sind Teil der Natur, eingebettet in ihre Kreisläufe, abhängig von ihrer Gesundheit. Rechte der Natur machen diese Zugehörigkeit rechtlich sichtbar. Sie schaffen eine gemeinsame Basis – zwischen Mensch und Mitwelt, zwischen unserem Recht und dem, was die Wirklichkeit von uns verlangt. Das ist der eigentliche Sinn.
Genau hier setzt das bayerische Volksbegehren Rechte der Natur an. Es will keine neue juristische Person im Zivilrecht schaffen, sondern die Freiheitsordnung der Bayerischen Verfassung ökologisch erweitern. Die vorgeschlagene Formulierung lautet:
„Jedermann hat die Freiheit, innerhalb der Schranken der Gesetze und der guten Sitten alles zu tun, was den Rechten der anderen und den Rechten der natürlichen Mitwelt nicht schadet.“
Auch auf europäischer Ebene wurde die Bedeutung der Rechte der Natur ins Rollen gebracht. Mitte Mai erkannte die EU-Kommission die Europäische Bürgerinitiative „Rights for Nature“ an. Es geht darum, „die EU aufzufordern, Ökosysteme als Rechteinhaber und nicht als Eigentum anzuerkennen.“ Dazu werden wir europaweit 1 Mio. Unterschriften sammeln.
Verabschieden wir uns von Naturschutz als Dekoration. Es geht um eine Verschiebung des Grundverständnisses: Denn Freiheit wird dort begrenzt, wo die natürlichen Grundlagen gemeinsamen Lebens verletzt werden.
Gemeinwohlökonomie als Brücke
Die Gemeinwohlökonomie versteht sich als Wirtschaftsmodell, das auf Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz aufbaut.
Sie will, dass die Natur nicht nur als „Naturkapital“ gerechnet wird, sondern als Teil eines lebensfähigen, gemeinsamen Ganzen.
Die Gemeinwohlökonomie hat die entscheidende Frage längst gestellt: Wozu dient Wirtschaft?
Wenn die Antwort lautet: dem guten Leben dienen, dann muss dieses gute Leben mit der Mitwelt organisiert werden, die es trägt. Deshalb braucht Gemeinwohl im 21. Jahrhundert eine ökologische Erweiterung. Denn die Natur ist mehr als Kulisse, Rohstofflager und Reparaturfall. Sie ist die lebendige Grundlage allen Seins und damit auch jeder Wirtschaft.
Die Rechte der Natur in menschliche Systeme zu überführen, bedeutet, dass unsere Rechtsordnung lernt, die Belange der natürlichen Mitwelt rechtzeitig zu berücksichtigen: in Verwaltung, Unternehmen, Kommunen und politischen Entscheidungen. Die Gemeinwohlökonomie kann dafür eine Brücke sein. Sie übersetzt Werte in Praxis. Sie zeigt, dass Wirtschaft nicht nur rechnen kann, sondern verantworten muss.
Der nächste Schritt ist, diese Verantwortung rechtlich sichtbar zu machen – und hier kann die Gemeinwohlökonomie Vorreiter sein.
Schließen sie einen Vertrag zwischen Ihnen direkt. Versprechen Sie sich etwas in Bezug auf ihren Naturbezug. Können wir ein gemeinsames Versprechen in unserem Miteinander mit unser Mitwelt treffen?
Die Gemeinwohlökonomie hat sich vorgenommen, Wirtschaft neu zu denken – vom Menschen her, von der Gemeinschaft her, von den Werten her. Das ist ihr großes Versprechen. Und ich glaube, es ist Zeit, dieses Versprechen um eine Dimension zu erweitern: um die Mitwelt, die uns trägt.
Wir haben heute gemeinsam darüber nachgedacht, was Natur wirklich ist – nicht Kulisse, nicht Ressource, sondern lebendige Grundlage allen Wirtschaftens und allen Lebens. Und wir haben gesehen: Es gibt Wege, diese Erkenntnis rechtlich, politisch und wirtschaftlich zu verankern. In Europa. In Deutschland. In Bayern und hier im Allgäu.
Ich möchte ihn mit unseren gemeinsamen Worten beenden. Mit einem gemeinsamen Commitment; das aus Ihrer Mitte kommt.
Also frage ich Sie: Was wäre für Sie persönlich ein konkreter Schritt, die Natur als gleichwertigen Teil unserer Gemeinschaft zu behandeln? Und was könnten wir heute Abend gemeinsam beschließen?
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VORSTÄNDIN NETZWERK RECHTE DER NATUR E.V
Christine Ax