Wider die Ausschaltung des Lebendigen

Fair Economics: Die Wirtschaftswissenschaft muss Natur und Arbeit neu definieren

 

Liebe Frau Schöne, in Ihrem Buch „Fair Economics" werfen Sie sehr grundsätzliche Fragen auf und kommen zu dem Schluss, dass unsere Wirtschaftstheorie auf veralteten und nachweisbar  falschen Annahmen beruht und überwunden werden muss.  

Ja. Wir müssen uns ganz dringend von einigen Definitionen und Erklärungen verabschieden, auf denen die Wirtschaftstheorie nach Adam Smith immer noch basiert. Seine Äusserungen, die er in drei Büchern auf über tausend Seiten niedergeschrieben hat, wurden immer wieder von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern selektiv in ihrem Sinne benutzt. Wenn man sein Gesamtwerk zugrunde liegt, wird es völlig unverständlich, warum er ausgerechnet immer mit seiner Aussage zur  „unsichtbaren Hand“ zitiert wird, die angeblich alles von alleine regelt, während andere Aussagen, die den mainstream Theoretikern nicht passen, systematisch ignoriert werden. Smith hat zum Beispiel gefordert, dass auf Lohneinkommen keine Steuern erhoben werden sollen. Ausserdem hat er keineswegs der Privatisierung von öffentlichen Aufgaben das Wort geredet. Im Gegenteil: Der Staat war für ihn ein überaus wichtiger Akteur, der die Voraussetzungen für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft  für ein gutes Leben sicherstellen sollte. Für Smith waren die Wirtschaftssubjekte dem Gemeinwohl  verpflichtet. Die Rezeption seines Werkes kann man nicht anders als tendenziös, interessengeleitet und ideologisch beschreiben.

Mir hat bei der Lektüre erst nicht eingeleuchtet, warum ich mich über so lange Strecken mit dem Werk eines Mannes beschäftigen soll, der seit 250 Jahren tot ist und ökonomisch in einer ganz anderen Welt gelebt hat.

Ja. Das kann ich gut verstehen. Der Grund liegt darin, dass man bei einer sorgfältigen Analyse feststellen muss, dass sich die Wirtschaftstheorie in Bezug auf viele ihrer grundlegenden Annahmen auf dem Stand von vor 250 Jahren befindet. Die Texte der Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten aus den Jahren 2012 bis 2014, die ich zitiere, zeigen das sehr deutlich. 

Was sind die wichtigsten Annahmen von Smith, die heute nicht mehr haltbar sind?

Smith war, wie kann es anders sein, ein Kind seiner Zeit: Man muss verstehen, dass er als Moralphilosoph nicht nur Professor war, sondern auch Steuereinnehmer König George III. Smith wird heute als "Vater" der Wirtschaftstheorie bezeichnet. Eine  Theorie, die heute die Kapitalverwertung als ihr einziges Ziel anerkennt und zu diesem Zweck die drei Faktoren Boden (Natur), Arbeit und Kapital einsetzt. Smith hat den Austausch ("exchange") als Basisprinzip des Wirtschaftens angesehen. Wenn das richtig ist, und davon gehe ich aus, dann sollten wir drei unterschiedliche Formen von Ökonomie unterscheiden:

Die Naturökonomie, den untervermittelten, direkten, unmittelbaren Austausch,  von dem bereits Aristoteles sprach. Die Kulturökonomie (Peter Bendixen): Den Tausch vermittelt durch Geld, eine 7.000 Jahre alte menschliche Erfindung. Und den Ökonomiekult: Die Geld zum Ziel des Handelns macht und Mittel und Zweck vertauscht hat. Diese Form von Ökonomie hat schon Aristoteles als Chrematistike bezeichnet, abgeleitet vom griechischen "chrema" Geld.      

Sie kritisieren auch den Arbeitsbegriff von Smith und das Naturverhältnis, nicht wahr?

Das trifft zu. Diese Begriffe muss man als Wirtschaftswissenschaftlerin analysieren, wenn man verstehen möchte, wo wir heute stehen und wie wir die Theorie modernisieren müssen. Smith ging davon aus, dass die uns als externes Objekt gegenüberstehende Natur eine von Gott geschaffene Maschine ist. Das ist eine statisch-mechanistische Auffassung. Wenn wir heute wissen, dass Natur ein sich selbstorganisierender Entwicklungsprozess ist, Evolution, dann überwinden wir damit diese Annahmen aus dem 18. Jahrhundert. Das muss die ökonomische Theorie noch umsetzen.

Smith sprach hundert Jahre vor Darwin bereits vom Menschen als "human animal". Andererseits folgte er der Ansicht von Thomas Hobbes aus dem "Leviathan“, dass Arbeit eine Ware ist, die wie jede andere auch, gehandelt werden könne. Das trifft in der Realität nicht zu. Wir behandeln Arbeit zwar als einen Produktionsfaktor, ein einsetzbares Objekt, müssen jedoch unsere Arbeitsfähigkeit immer selbst anwenden. In den Unternehmen finden wir keine Arbeit, sondern Menschen. Übrigens wies Smith auch darauf hin, dass "nature labours along with man", dass Natur genauso arbeitet wie Menschen. Verständlich wird das, wenn man bedenkt, dass Sklaverei damals noch ganz normal war und Menschen tatsächlich als Ware angesehen wurden.

Was ist Ihre Sicht auf Arbeit und Natur?

Smith's Verständnis von Natur und Arbeit sind Fiktionen, Warenfiktionen, worauf nicht zuletzt Karl Polanyi bereits 1944 hingewiesen hat.  Ich schlage vor, den Arbeitsbegriff der Naturwissenschaften  für die ökonomische Theorie zu übernehmen. Das bedeutet, nicht nur bezahlte Erwerbstätigkeit, sondern auch Eigenarbeit gesellschaftlich wahrzunehmen. Bisher klammert der Mainstream nämlich alle nicht bezahlten Tätigkeiten aus. Weil sie nicht bepreist werden, scheinen sie auch nichts wert zu sein.

Damit hätten wir dann erstmalig eine eindeutige und exakte Definition von Arbeit, und die unterschiedlichen Definitionen von Arbeit als Aufgabe, Ausführung und Arbeitsergebnis wären überwunden, was für eine Wissenschat erforderlich ist.

Ich schlage auch vor, den unmittelbaren und unvermittelten Austausch, also Arbeit, zur Grundlage einer Wirtschaftswissenschaft zu machen. Sie soll aber nicht länger als ein vom Menschen abtrennbares Objekt behandelt werden, sondern als einen Prozess, in dem sich der Mensch mit anderen Menschen und der Natur in Beziehung setzt.

Das wäre dann der Paradigmenwechsel, über den heute so viel gesprochen wird. In diesem Beziehungsgefüge sehen wir uns selbst als natürliche Lebewesen, die auf die ihnen äussere Natur als Lebensgrundlage angewiesen sind.

Wie dieser Übergang vom Objekt zum Prozess verstanden werden kann, habe ich in FAIR ECONOMICS = Nature, Money And People Beyond Neoclassical Thinking (erschienen bei Green Books, Cambridge/UK, 2015) ausführlich beschrieben. Das bedeutet, ökonomische Theorie zu modernisieren - in ökologischer Absicht. Denn Ökologie bedeutet, wie Ernst Haeckel das 1866 definiert hat, die Lehre von den Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer natürlichen Umwelt. Das natürliche Lebewesen Mensch und die ihn umgebende Natur befinden sich in ständigen reziproken Prozessen. Klaus-Michael Meyer-Abich hat daher dafür plädiert, dass wir nicht länger von Umwelt, sondern von unserer Mitwelt sprechen. Diesen Mitweltgedanken habe ich aufgegriffen und weiterentwickelt. Natur muss nun in der ökonomischen Theorie ein Eigenwert zugestanden werden. Sie kann nicht länger nur als ein Objekt angesehen werden, mit dem wir beliebig umgehen.   

Was bedeutet das ganz konkret?

Wir müssen das mainstrem Paradigma überwinden, denn es ist mit einer systematischen Blindheit geschlagen. In diesem Punkt unterscheidet sich die Umweltökonomik  auch von der ökologischen Ökonomik. Die bisherige mainstream Theorie geht von statisch-mechanischen Objekten aus und die Umweltökonomik bleibt innerhalb dieser Annahmen.

Dabei wird nicht  beachtet, dass es immer um organische Lebensprozesse geht. Wir wirken auf unsere Mitwelt ein, schaffen unsere Kultur, und diese Kultur wirkt auf uns zurück. Wenn wir nun ständige Schädigungen des Lebens um uns herum feststellen, wie z. B. die Abnahme von Biodiversität und die Vermüllung der Meere, um nur zwei  Beispiele zu nennen, dann sind wir sowohl Täter als auch Opfer dieses Prozesses, weil unser Leben davon abhängt. Wir nehmen immer noch in Kauf, dass das Leben auf diesem Planeten gefährdet wird, u. a. durch die Klimakatastrophe. Das bedeutet: Wir wollen gar nicht wissen, dass wir auf einen toten Planeten hinsteuern, der noch Natur ist, aber kein Leben mehr hervorbringt - ein Rückschritt in der Evolution.     

Wir sollten die Evolutionsfähigkeit der Natur schützen und diese auch in unserer Verfassung verankern und nicht nur den Naturschutz. Denn Natur ist ein Entwicklungsprozess, den wir als Menschen mit unserer Kultur beeinflussen. Dafür würde ich gern mehr MitstreiterInnen gewinnen.

 

Dr. Irene Schöne 

Irene Schöne ist eine ökologische Wirtschaftswissenschaftlerin. Der Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt in der Analyse der ökonomischen Theorie vor dem Hintergrund von Umweltkrise und Klimakatastrophe. Sie hat rund 60 wissenschaftliche Veröffentlichungen geschrieben, darunter drei Bücher, und viele Vorträge im In- und Ausland gehalten. Sie hatte die Projektgruppe "Ökologisches Wirtschaften" beim Öko-Institut in Freiburg initiiert und war Mitbegründerin des IÖW Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. Von 1988 bis 2004 war sie als wissenschaftliche Referentin beim Landtag in Schleswig-Holstein tätig und hat dort u. a. an der Entwicklung einer "Umweltökonomischen Gesamtrechnung§ gearbeitet. In 1996 wurde sie zur Vorsitzenden des Umweltbeirates der UmweltBank, Nürnberg, gewählt, zwei Jahre später zum Mitglied im Aufsichtsrat der Bank, die rund 11.000 AktionärInnen und Aktionären gehört und in einer sogenannten "Integrierten Berichterstattung" jedes Jahr nicht nur ihre ökonomischen Erfolgszahlen, sondern auch ihre CO2/t Einsparungen veröffentlicht. 

Ihr jüngstes Buch FAIR ECONOMICS = Nature, Money And People Beyond Neoclassical Thinking, erschienen 2015 bei Green Books, Cambridge/UK, beschäftigt sich mit dem Verständnis der heutigen mainstream Theorie in Bezug auf die aussermenschliche wie menschliche Natur, das auf Annahmen aus dem  18. Jahrhundert zurückgeht, die heute aufgrund unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als überholt angesehen und daher modernisiert werden müssen.   

 

Irene Schoene:

Fair Economics - Nature, Money and Poeple - Beyond Neoclassical Thinking  

488 Seiten (englisch) 

ISBN:  9780857843098 

Green Books, 29,99 

 

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