Essay

Experimentelles Recht – Ein Vertrag mit dem Flusssystem der Pader als Teil eines städtischen Kunstprojektes

von Bernd Söhnlein

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Quellgebiet der Pader im Stadtzentrum von Paderborn als Flussökosystem, das im Sinne der Rechte der Natur als eigenständige rechtlich schützenswerte Lebensgemeinschaft verstanden wird
Quellgebiet der Pader in Paderborn. Foto: Dampftrain / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

In Werken der Kunst, der Literatur und der Musik drückt sich nicht nur die schöpferische Kraft der Künstler:innen aus, sondern sie enthalten zuweilen auch Botschaften, die – gewollt oder ungewollt – in Gesellschaft und Politik hineinwirken. Denken wir an die Ode Friedrich Schillers „An die Freude“, die Beethoven kongenial in seiner 9. Sinfonie vertont hat, oder an das Monumentalgemälde „Guernica“ von Pablo Picasso. Davon, dass Kunst Diskussionen und Streit in Gesellschaft und Politik provozieren kann, zeugen immer wiederkehrende Auseinandersetzungen um Kunstwerke und ihre öffentliche Darstellung, wie vor wenigen Jahren die Debatte um antisemitische Tendenzen der documenta 2022 gezeigt hat.

Ein Kunstprojekt, das Menschen nicht nur zum Betrachten anregen, sondern auch zum Nachdenken und zu aktiver Beteiligung bewegen soll, ist das von der städtischen Ausstellungsgesellschaft Paderborn entwickelte Format „Tatort Paderborn“. Es findet in unregelmäßigen Abständen in der westfälischen Universitätsstadt statt. Im Jahr 2025 widmete sich der „Tatort Paderborn“ ganz dem Flussökosystem der Pader. Unter dem Motto „Der Fluss bin ich“ organisierte die künstlerische Leitung unter Marijke Lukowicz und Sophia Trollmann im Sommer 2025 im in Europa einmaligen innerstädtischen Quellgebiet und im öffentlichen Raum entlang des Flusslaufes Ausstellungen, Workshops, Installationen, Gesprächsrunden, geführte Spaziergänge und vieles mehr.

Mitten im Stadtgebiet von Paderborn sprudelt Grundwasser aus über 200 Quellen hervor, die sich aus mehreren künstlich gefassten Becken und kleinen Seitenbächen kommend zu einem kleinen Fluss vereinigen, der unter der Bezeichnung „Pader“ das Stadtgebiet durchquert, um sich nach weniger als 5 km mit dem Flüsschen Lippe zu vereinigen und, dessen Namen annehmend, dem Ruhrgebiet zuzustromen. Quellen haben von jeher Menschen angezogen und inspiriert. Sie haben eine hohe Symbolkraft als Lebensspender, sie stehen für reines und heilendes Wasser und gelten in vielen Kulturen und Religionen als heilig. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass der Dom zu Paderborn unmittelbar oberhalb dieses Quellgebietes errichtet wurde.

Für diesen außergewöhnlichen Ausstellungsort bot es sich förmlich an, das Mensch-Natur-Verhältnis aus Sicht der Kunst zu beleuchten, mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Darstellungsweisen. Das Ausstellungsmotto „Der Fluss bin ich“ greift ein Motiv der in Neuseeland ansässigen indigenen Gemeinschaft der Maori auf, mit dem dieses Volk seine tiefe emotionale Verbundenheit mit dem Fluss Whanganui ausdrückt: Der Mensch ist Teil der Natur, die Natur nicht bloßes Objekt menschlicher Nutzung und Ausbeutung. Letzteres Naturverständnis dominiert nach wie vor unsere westlichen Gesellschaften und ihre Ökonomie. Diese Sichtweise zu hinterfragen, war Ziel der dritten Ausgabe der Reihe „Tatort Paderborn“.

Einen bemerkenswert innovativen Beitrag schuf Anne Duk Hee Jordan unter redaktioneller Assistenz von Michal B. Ron unter dem Titel „Plop Drop Slop – a wet manifesto“. Sie fühlte dem Fluss und dem ihn speisenden Grundwasser gleichsam den Puls, indem sie langfristige Verläufe der Wassertemperaturen und Flusspegel dokumentierte und in Töne transformierte. In einer reich bebilderten und illustrierten dreibändigen Publikation werden verschiedenste Daten zum Fluss aufgelistet: Parameter chemischer Elemente im Flusswasser, Flora und Fauna in und am Wasser, Wasserabflussmengen usw. Außerdem kommen Personen zu Wort, die das Wasser im Allgemeinen und die Pader im Besonderen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Eine Ärztin vergleicht etwa das Wasser des Flusses mit dem Blut des menschlichen Körpers und zieht Parallelen zwischen dem Flussökosystem und dem Blutkreislauf des Menschen.

Das wet manifesto geht aber nicht nur dem „Gesundheitszustand“ des Flusses auf den Grund, sondern wirft auch die Frage auf, wie dieses Ökosystem im Einklang mit menschlichen Nutzungsansprüchen langfristig erhalten werden kann. Die Initiator:in verfasst zu diesem Zweck einen „Vertrag mit der Pader“. Sie bedient sich dazu einer Fiktion: Es wird unterstellt, das Flussökosystem der Pader sei eine Rechtsperson, mit der man eine vertragliche Vereinbarung eingehen kann.

Der Vertrag als formaler Rahmen nimmt wiederum Bezug auf das Motto der Veranstaltungsreihe „Der Fluss bin ich“. Denn die Maori und die neuseeländische Regierung erhoben in einem historischen Vertrag das Flussgebiet des Whanganui zur Rechtsperson unter gemeinsamer Verwaltung des Staates und der indigenen Gemeinschaft.

Die Idee, die Natur als Rechtssubjekt und Ökosysteme als Rechtspersonen anzuerkennen, hat sich in den letzten Jahren weltweit verbreitet. Sie hat ihren Niederschlag in Verordnungen auf lokaler Ebene wie in Pennsylvania (USA), ebenso gefunden wie in Verfassungstexten (Ecuador), in Parlamentsgesetzen (Bolivien, Spanien) oder in Gerichtsentscheidungen (Indien, Kolumbien), um nur einige Beispiele herauszugreifen.

Rechte der Natur sind ein juristisches Konstrukt, in dem sich ein verändertes Verhältnis des Menschen zur Natur widerspiegelt. Die Ursache der globalen Klima- und Naturkrise wurzelt im Selbstverständnis des Menschen, der sich selbst und die Natur als etwas getrennt voneinander Existierendes betrachtet. Der Mensch betrachtet den Planeten Erde als seine Umwelt und behandelt die belebte und unbelebte Natur als etwas Gegenständliches, Objekthaftes. Die Grundfesten unserer Rechtsordnungen ignorieren bisher weitgehend, dass Zivilisationen in globale Stoff- und Energieströme eingebunden und in vielfältiger Weise von natürlichen Ökosystemen abhängig sind.

Eigenrechte der Natur bringen einen Paradigmenwechsel zum Ausdruck: Rechte dienen nicht mehr nur als Mittel, um sich im Verhältnis zu anderen Menschen und gesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit zu verschaffen, die Natur für eigene Zwecke zu nutzen. Eine subjektive Rechtsstellung der Natur würde verdeutlichen, dass die individuelle Freiheit des Menschen nicht nur gegenüber der Freiheit anderer Menschen begrenzt wird, sondern auch gegenüber der übrigen lebendigen Mitwelt auf dem Planeten Erde. Die Rechte der Natur dienen letztlich dazu, den Menschen in Ansehung der Natur vor sich selbst zu schützen und ein gemeinsames Überleben auf dem Planeten zu ermöglichen.

Skeptische Jurist:innen argumentieren gegen Eigenrechte der Natur oft damit, dass Rechtsvorschriften, die die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen schützen, auch mit Hilfe von Verbandsklagerechten gerichtlich durchgesetzt werden könnten. Es mangele zudem an Vertreter:innen, die völlig frei von eigenen Interessen seien, wenn sie Rechte der Natur geltend machten. Außerdem sei es kompliziert, Rechtspersönlichkeiten für einzelne Naturgüter wie Flüsse, Wälder oder die Natur insgesamt zu etablieren.

Die beschriebenen rechtstheoretischen und rechtstechnischen Einwände sind jedoch lösbar, wie nicht nur Beispiele aus anderen Staaten, sondern auch die inzwischen zahlreichen juristischen Publikationen zu diesem Thema zeigen. Vor allem blenden sie aber aus, dass man die Mehrheit der Bevölkerung zu einem verantwortungsvolleren und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse beachtenden Umgang mit der Natur nur bewegen kann, wenn man sie auch emotional mitnimmt. Keine Verfassung und Deklaration verzichtet auf Pathos: Ob die Virginia Bill of Rights (1776), die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) oder Artikel 1 des Grundgesetzes – ohne emotionale Bekenntnisse fehlt jeder Rechtsordnung der verbindende „Kitt“.

Die heute weltweit anerkannten Menschen- und Bürgerrechte gehen auf die Aufklärung zurück. Einer der einflussreichsten Denker war Jean-Jacques Rousseau. In „Du contrat social“ verwendet er den Vertrag als Metapher für die Bildung einer vernunftgeleiteten staatlichen Ordnung, in der Freiheit und Sicherheit rechtlich garantiert sind.

Dieses Vertragsmodell lässt sich auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur übertragen: Der Mensch ist Teil eines umfassenden Erdökosystems. Die Vorstellung einer strikten Trennung von Mensch und Natur ist naturwissenschaftlich überholt.

Deshalb lag es nahe, das Vertragsmodell auf das Flussökosystem der Pader zu übertragen und eine fiktive Vereinbarung zwischen Menschen und Natur zu formulieren. Ziel ist es, die wechselseitigen Abhängigkeiten in rechtlicher Sprache sichtbar zu machen.

Vertragspartner sind einerseits Menschen, darunter auch juristische Personen wie Stadt, Vereine oder Unternehmen, und andererseits die nicht-menschlichen Lebensgemeinschaften der Pader und ihrer Grundwasserströme als ökologische Person.

Die ökologische Person existiert in unserer Rechtsordnung (noch) nicht. Sie ist wie die juristische Person eine rechtliche Konstruktion. Die Idee einer solchen Rechtsperson könnte eine Antwort auf das gestörte Mensch-Natur-Verhältnis sein.

Die Präambel des Vertrages beschreibt die ökologische Situation und betont den gemeinsamen Lebensraum von Mensch und nicht-menschlicher Natur.

Zentrale Vertragsinhalte sind der Zweck (Koexistenz), die Pflichten der Menschen (Schadensvermeidung, Wiederherstellung von Ökosystemen) sowie die Rechte der Pader (ökologische Überwachung, Anhörung in Verfahren, respektvolle Behandlung). Diese Rechte werden durch menschliche Treuhänder vertreten.

Der Vertrag sieht eine Kommission der Stadt Paderborn vor, bestehend aus Vertreter:innen aus Politik, Umweltbehörden, Wissenschaft, Kultur sowie Nutzergruppen wie Landwirtschaft und Fischerei.

Der Vertragstext wurde im Juni 2025 öffentlich verlesen und unterzeichnet. In Workshops wurde die Idee weiterentwickelt, eine dauerhafte Struktur zur Vertretung der Rechte der Pader zu schaffen.

Die Idee der Naturrechte mag romantisch erscheinen, ist jedoch ein ernstzunehmendes Gegenmodell zum bestehenden Wirtschaftssystem. Hinweise auf politische Widerstände zeigen sich etwa bei internationalen Umweltforen, in denen entsprechende Initiativen wiederholt marginalisiert wurden.

Dr. Bernd Söhnlein, Neumarkt i. d. OPf.

 

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