Interview

Hat die Natur Rechte?

von Rita Hinterleitner

Screenshot des Interviews auf Bayern 2 „Nah dran“ mit Christine Ax, erste Vorsitzende des Netzwerks „Rechte der Natur“, in dem über eine neue Beziehung zur Natur und Rechte für Ökosysteme gesprochen wird.

Christine Ax im Gespräch bei Bayern 2 Nah dran über die notwendige kopernikanische Wende im Umgang mit der Natur

Am Montag, den 12. Januar, war Christine Ax, erste Vorsitzende des Netzwerk Rechte der Natur e. V., zu Gast in der Sendung Bayern 2 Nah dran bei Moderator Uli Knapp. Zu Beginn fasst Knapp seine Auffassung der Rechte der Natur zusammen, um die später die Position von Ax einzuordnen: „Flüsse dürfen fließen und werden nicht begradigt, Bäume werden nicht gefällt, sondern dürfen wachsen, bis sie von selbst umfallen, Insekten werden nicht durch Insektizide getötet, sondern dürfen sich bewegen, wie sie wollen, und dürfen sich auf den Äckern die Mägen vollschlagen, wie sie wollen.“

Ax macht deutlich, dass es bei den Rechten der Natur nicht um Einschränkungen geht, sondern um eine Art kopernikanische Wende im Umgang mit der Natur. Es geht vor allem darum, die Grundlagen unserer eigenen Existenz zu sichern: Ein gutes Leben für den Menschen ist nur in einem intakten Ökosystem möglich. „Alle Lebewesen haben ein Recht auf Leben, Entfaltung und Schutz in der Mitwelt“, betont Ax. Jedes Lebewesen sei ein Knotenpunkt im Netz des Lebens – wir sind auf die Natur angewiesen, die Natur hingegen nicht auf uns.

Das vollständige Interview können Sie [hier] nachhören. Im Folgenden haben wir die zentralen Aussagen des Interviews zusammengefasst und an einigen Stellen kontextuell geglättet sowie Ergänzungen hinzugefügt.

Knapp fragt nach den Rechten von Flüssen und nennt die Initiative rund um die Loisach. Ax erklärt, dass es sich dabei um eine Initiative des bayerischen Filmemachers Claus Biegert handelt und weist darauf hin, dass in Kürze eine Maori-Delegation erwartet wird und eine Partnerschaft zwischen dem Whanganui-Fluss und der Loisach im Gespräch ist.

Der Whanganui war einer der ersten Flüsse weltweit, der rechtlich als eigene Rechtsperson anerkannt wurde. Auch die Loisach soll ähnliche Rechte erhalten. Konkret bedeutet das: „Flüsse wie die Loisach, die Spree oder der Rhein sollten ein Recht auf Leben, Schutz und Wiederherstellung haben“, so Ax. Durch die Anerkennung als Rechtsperson könnten natürliche oder juristische Vertreter Flüsse und andere Ökosysteme vor Eingriffen schützen, bevor irreversible Schäden entstehen. Dies ermögliche, dass beispielsweise Flüsse ihren natürlichen Lauf behalten und sich gemäß ihrer ökologischen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnisse entwickeln können.

Im Gespräch bringt Moderator Knapp ein, dass die Natur in Deutschland derzeit rechtlich als „Sache“ gilt und somit keine eigenen Rechte einklagen kann. Ax erklärt dazu, dass die Anerkennung von Natur als Rechtsperson diese Situation grundlegend ändern würde: Personen oder Institutionen könnten im Namen der Natur deren Recht auf Leben und Wiederherstellung einklagen, bevor Schäden eintreten. Das eröffne einen rechtssicheren Rahmen, in dem Rechte der Natur einklagbar werden – vergleichbar mit bestehenden juristischen Vertretungsmodellen, beispielsweise für die Spree in Berlin liegt bereits ein entsprechender Entwurf vor, der genau dies vorsieht.

Das Gespräch wendet sich dem Thema Artenschutz zu. Knapp fragt, was die Rechte der Natur über den klassischen Artenschutz hinaus erreichen sollen. Ax antwortet: „Echten Artenschutz“, denn aktuell haben wirtschaftliche Interessen und menschliche Bedürfnisse fast immer Vorrang gegenüber der Natur – auch aufgrund der Regelungen im derzeitigen Grundgesetz. Das Netzwerk „Rechte der Natur“ fordert daher eine Änderung des Grundgesetzes, indem die Rechte der Natur ausdrücklich anerkannt werden. Ein Beispiel aus der Grundgesetzinitiative:

  • Grundgesetz, aktuell, Absatz 1 unverändert:
    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
  • Was wir fordern, Absatz 2 neu:
    Die Würde der Natur gebietet, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, zu pflegen und zu wahren und den Eigenwert der natürlichen Mitwelt im Ganzen der Natur zu achten.

Diese Ergänzung zeigt eine klare Abwendung von einer rein anthropozentrischen und egozentrischen Perspektive hin zu einer ökozentrischen Sichtweise. Da wir selbst Teil der Natur sind, schließt der Schutz und die Würde der Natur die Würde des Menschen mit ein. Die Anerkennung der Naturwürde mildert die menschliche Würde nicht ab, sondern stärkt und wertet sie auf, indem sie unsere Lebensgrundlagen und Existenz absichert.

Auf die Frage, welche Rolle die Rechte der Natur beim Klimawandel spielen könnten, verweist Ax auf die Zusammenhänge zwischen Flächenverbrauch, Landwirtschaft und globaler Erwärmung:

  • Zwei Drittel der Lebensmittel dienen nicht der Ernährung.
  • Massentierhaltung und Fleischkonsum sind nicht immer sachlich begründbar, und können und müssen hinterfragt werden.

„Wir könnten uns auf viel kleineren Flächen ernähren“, betont Ax. Die Herausforderung bestehe darin, zu hinterfragen, warum wir nicht danach handeln. Wirtschaften innerhalb der Grenzen der Natur sei möglich, scheitere aber oft an Macht, Gier und politischen Strukturen.

Ax sieht in den Rechten der Natur eine Neudefinition der Beziehung zwischen Menschen und Natur. „Es geht um Anerkennung und Würdigung dessen, was die Natur uns schenkt. So sichern wir unsere eigene Existenz und Zukunft.“ Die Beziehung zur Natur war nie statisch, betont Ax: Heute stehe die Menschheit an einem Wendepunkt, an dem diese Beziehung neu definiert werden müsse – zwingend. Ax’ Fazit: „Am Ende hat die Natur sowieso Recht. Wir können nicht ohne sie aber sie ohne uns.“

Das vollständige Interview mit Christine Ax können Sie [hier] nachhören.

 

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+49 ​(0) 151 ​26691150

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