Eine Wirtschaft für das Leben: Auftakt der Wellbeing Economy Alliance in Wien
von Christine Ax
Wie können wir eine Wirtschaft gestalten, die ein gutes Leben ermöglicht, soziale Gerechtigkeit stärkt und unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt? Dieser Frage widmet sich die neu gegründete Wellbeing Economy Alliance Austria (WEAll Austria), die am 7. Oktober 2026 in der Wiener Blumenfabrik ihren Auftakt feierte.
Als österreichischer Zusammenschluss der internationalen Wellbeing Economy Alliance verbindet sie Organisationen wie GLOBAL 2000, Gemeinwohl-Ökonomie, Degrowth Vienna, Umweltdachverband, Donut Wien, AEMS Summer School und Wachstum im Wandel. Das Netzwerk ist aus der österreichischen Beyond-Growth-Bewegung hervorgegangen und will Kräfte für eine sozial gerechte und ökologisch tragfähige Wirtschaft bündeln.
Den zentralen Vortrag hielt Olivier De Schutter, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte. Seine Botschaft: Wir können Armut überwinden und Ungleichheit verringern, ohne auf immer weiteres Wirtschaftswachstum angewiesen zu sein.
De Schutter hinterfragte die Versprechen der Wachstumsorientierung. Wirtschaftswachstum führe nicht automatisch zu guten Arbeitsplätzen oder größerer Lebenszufriedenheit. Maßnahmen zur Förderung des Wachstums verschärfen vielmehr soziale Unsicherheit, Ungleichheit und Überlastung. Technische Effizienz verhindere die Überschreitung von immer mehr planetaren Grenzen nicht.
Sein Gegenentwurf, die „Roadmap for Eradicating Poverty Beyond Growth“, setzt auf eine Wirtschaft, die Armut gar nicht erst entstehen lässt. Gute Wohnungen, Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung gehören ebenso dazu wie eine Stärkung der Fürsorgearbeit und solidarischer Unternehmensformen.
Eine öffentliche Arbeitsplatzgarantie könnte sinnvolle Tätigkeiten ermöglichen: in der Sorge für Menschen, beim Erhalten von Ökosystemen und beim Reparieren und Wiederverwenden. Dafür brauche es demokratische Planung und breite Bündnisse: Umweltbewegungen, Gewerkschaften und Initiativen gegen Armut müssten ihre Anliegen gemeinsam vertreten.
Diese Politikempfehlungen, die in der „Roadmap for Eradicating Poverty Beyond Growth“ beschrieben wurden, entstanden in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, sozialen Bewegungen, Wissenschaft, UN-Organisationen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Menschenrechte, ökologische Gerechtigkeit und demokratische Mitgestaltung bilden ihren gemeinsamen Rahmen.
Diese Roadmap fordert unter Punkt 4.6 „Affirming rights of nature and biodiversity protection“: Anerkennung der Rechte der Natur und Schutz der biologischen Vielfalt. Sie werden, verbunden mit gesicherten Landrechten und einer starken Rolle der indigenen und lokalen Gemeinschaften, als Notwendigkeit gefordert, um weltweit die Ökosysteme zu bewahren. Als Beispiel nennt die Roadmap die Anerkennung des Whanganui-Flusses in Neuseeland als Rechtsperson und seine gemeinsame Vertretung mit Māori.
Die Rechte der Natur gehören also ausdrücklich zum vorgeschlagenen Weg, Armut und ökologische Zerstörung gemeinsam zu überwinden. Eine Wirtschaft, die dem Leben dient, braucht sowohl soziale Fürsorge als auch die rechtliche Anerkennung unserer Mitwelt.
Was verändert sich, wenn wir Natur nicht länger nur als Ressource betrachten? Am 23. September geht es um neue rechtliche Perspektiven, unsere Abhängigkeit von der lebendigen Welt und eine Bewegung, die international wächst.
Julia Herr (SPÖ) bringt die Petition für Eigenrechte der Natur ins Parlament. Alle österreichischen Umweltanwaltschaften unterstützen die Initiative, die Flüsse, Wälder und Moore als Rechtssubjekte anerkennen möchte.
Die Institution der „Volksanwaltschaft“ wollen die Grünen in Tirol auf die Bereiche Menschenrechte und Rechte der Natur ausdehnen. Die Volksanwaltschaft ist eine österreichische Institution. Die vom Nationalrat bestellten drei Volksanwälte dürfen das Handeln der Verwaltung in Österreich überprüfen. Sie können zwar nur Empfehlungen aussprechen, ihr Einfluss ist in Österreich dennoch groß. Die Verwaltung ist bei den Prüfungsverfahren verpflichtet voll mitzuwirken.