Rückblick

Warum ein Tribunal für den Neckar heute notwendig ist

von Ute Blohm-Hieber

Ute Blohm-Hieber, Vorständin des Netzwerks Rechte der Natur, spricht beim Neckar Tribunal am Mikrofon. Teilnehmende in Warnwesten lauschen ihr unter einem Baum, dahinter ist der Neckar zu sehen.
te Blohm-Hieber, Vorständin des Netzwerks Rechte der Natur, spricht beim Neckar Tribunal am Neckar. Teilnehmende lauschen ihrem Plädoyer für die Rechte des Flusses.

Für mich ist das ein besonderer Moment: an diesem Tribunal teilzunehmen

wie ein Kreis, der sich schließt

 

Warum? Ich wurde in Heilbronn geboren, einer der Städte, die auf beiden Seiten des Neckars liegt: Meine ganze Kindheit verbrachte ich dort, im Sommer war das öffentliche Schwimmbad, direkt neben dem Neckar, der Ort, an dem wir Kinder die meisten sonnigen Nachmittage verbrachten: Es war eine glückliche Kindheit! Kein Gedanke an Verschmutzung oder daran, dass der Fluss schon vor langer Zeit sein ursprüngliches Flussbett verloren und sich in eine wirtschaftliche Transportstraße verwandelt hatte! Der Neckar war einfach da und wurde bewundert, wenn wir unsere sonntäglichen Familienspaziergänge unternahmen: von den Hügeln rund um Heilbronn oder entlang des Flusses. Kurz gesagt, der Neckar war immer Teil meines Lebens in jungen Jahren. Und er blieb es, selbst während meines Studiums in der Hauptstadt Baden-Württembergs, wenn auch etwas weiter entfernt ... und schließlich verschwand der Neckar, als die europäischen Institutionen mein Mittelpunkt wurden.

Aber jetzt bin ich mit einer völlig anderen Perspektive zurück und vielleicht mit einer neuen Mission? Der Kreis könnte sich auf verschiedenen Ebenen schließen:

  • Geografisch: zurück wieder am Neckar
  • Mental: vom Vergnügen (Neckar hat mir eine gute Zeit bereitet) zur Verantwortung (Sollten wir ihm etwas zurückgeben?)
  • Meta-Ebene: Vom Menschen als die Natur beherrschenden Wesen (Der Fluss wurde allein als wirtschaftliche Verkehrsader betrachtet) hin zu Menschen als Teil der Natur

Was hat diesen Wechsel zu einer Meta-Ebene ausgelöst?

Im Laufe der Jahre bekam dieses idyllische Bild unseres Neckars „dunkle Flecken“.

  • Zuerst sahen wir in den 60er Jahren Schaumberge vor den Schleusentoren des Neckar zwischen Stuttgart und Heilbronn, doch damals stellten wir noch nicht infrage, ob die Gesundheit unseres Flusses wirklich in Gefahr sein könnte; erst später wurden Verschmutzung und Wasserqualität zum Thema.
  • Bücher wie der „Stille Frühling“ (Rachel Carson) schockierten uns, gefolgt vom Bericht des „Club of Rome“, der sich auf den Mangel an Primärressourcen konzentrierte; schließlich die Bücher der französischen Philosophin Corine Pelluchon, z. B. „Les nourritures: la philosophie du corps“, la cohabitation des hommes avec l'autre espèce (Nahrung, eine Philosophie des Körpers, das Zusammenleben von Menschen mit anderen Wesen), und schließlich das aufrüttelnde Buch von Dirk Steffens „Überleben, Zukunftsfrage Artensterben“, das den massiven Verlust unserer Biodiversität zum Thema machte.

All diese neuen und revolutionären Gedanken wirkten für mich wie eine Initialzündung, die immer mehr zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel führte, was das Verhältnis des Menschen zu den nichtmenschlichen Wesen anbelangte:

Sollten wir diesen nichtmenschlichen Wesen nicht genauso mit Respekt begegnen wie unseren Mitmenschen?

Haben sie nicht ihre eigenen Existenzrechte und womöglich sogar das Recht, sich (etwa vor Gericht) zu verteidigen?

Zu dieser Zeit gab es weltweit bereits Initiativen, die Eigenrechte für die Natur forderten: in Ecuador, Neuseeland, Kolumbien und zuletzt (2022) auch in Spanien, dem ersten europäischen Staat, in dem sich die lokale Bevölkerung für den besseren Schutz der stark verschmutzten Salzwasserlagune „Mar Menor“ stark machte: Mehr als 600.000 Unterschriften wurden gesammelt, um ihrem Antrag das nötige Gewicht zu verleihen, das Mar Menor zur Rechtspersönlichkeit werden zu lassen, dem der spanische Gesetzgeber tatsächlich zustimmte und was danach auch vom Obersten Gerichtshof bestätigt werden sollte.

Bernd Söhnlein, Rechtsanwalt und Mitglied im Netzwerk Rechte der Natur, spricht beim Neckar Tribunal vor aufmerksam zuhörenden Teilnehmenden. Im Mittelpunkt stehen die Rechte der Natur und die Frage, wie Ökosysteme rechtlich vertreten und geschützt werden
Bernd Söhnlein, Rechtsanwalt und Mitglied im Netzwerk Rechte der Natur, beim Vortrag während des Neckar Tribunals.

Eine starke Bewegung!

Eine Idee, deren Zeit gekommen ist: Die Idee für eine Europäische Bürgerinitiative zu Rechten der Natur war geboren!

Eine Bewegung, die das Umweltrecht der EU zum Guten verändern könnte.

Eine Million Unterschriften sind erforderlich:

Am 27. März 2026 reichte eine Koalition zivilgesellschaftlicher Organisationen aus 14 EU-Ländern eine formelle Anfrage bei der Europäischen Kommission zur Registrierung dieser Europäischen Bürgerinitiative (ECI) ein, mit dem Titel:

Rechte für die Natur: Bürger befähigen, Ökosysteme zu vertreten und zu schützen.

Was wäre, wenn ein Fluss wie der Neckar sich vor Gericht verteidigen könnte?

Was wäre, wenn ein Wald denselben rechtlichen Status wie ein Unternehmen hätte?

Eine Koalition von Organisationen aus vierzehn EU-Mitgliedstaaten arbeitet daran, dies Wirklichkeit werden zu lassen, und sie wollen mehr als eine Million Europäer einladen, sich dem anzuschließen.

Und tatsächlich haben wir am 19. Mai gemeinsam einen ersten wichtigen Etappenerfolg auf dem Weg dorthin erzielt:

Die EU-Kommission hat unseren Antrag offiziell registriert und damit grünes Licht gegeben, die Vorbereitungen für die Unterschriftensammlung zur Bürgerinitiative zu beginnen.

  1. Das Instrument ist eine Europäische Bürgerinitiative.
  2. Ihr Ziel: ein grundlegender Wandel im EU-Recht, bei dem Ökosysteme als juristische Personen mit dem Recht auf Existenz, Regeneration und Verteidigung vor Gericht anerkannt und gewöhnliche Bürger befähigt werden, als ihre Vertreter zu agieren.

Der Neckar ist ein solches Ökosystem, das von dieser Initiative stark profitieren könnte und die bereits im Rahmen der Bundesgartenschau 2024 in Mannheim ergriffenen Maßnahmen weiter unterstützen würde.

Die heutige Veranstaltung, das Neckar-Tribunal, trägt zur Sensibilisierung und Anregung der Zivilgesellschaft bei, damit diese zum „Wächter des Neckars“ werden könnte, wie z. B. Bürger in Frankreich und Belgien ihr zivilgesellschaftliches Engagement für ihre Flüsse nennen.

Ich möchte mein Plädoyer für den Neckar mit einer kleinen Anekdote aus meiner Kindheit schließen:

Als ich etwa 1 bis 2 Jahre alt war, war ich mit meinen Eltern entlang des Neckars spazieren und nahm dazu auch meinen geliebten „Steiff“ Plüschhund mit, den mir mein Patenonkel kürzlich geschenkt hatte. In dem Alter konnte ich noch nicht wirklich zwischen meinem Spielzeug und echten Hunden, die ich im Wasser schwimmen sah, unterscheiden. Folglich wollte ich auch meinem Plüschhund ein erfrischendes Bad im Fluss gönnen, damit er sich mit den anderen Hunden im Wasser vergnügen könne, und habe ihn kurzerhand ins Wasser geworfen ... Aber, Sie kennen den Ausgang, er kam nie zurück.

In gewisser Weise fühlt es sich heute nun so an, als würde ich zu diesem Moment des verlorenen Spielzeugs zurückkehren, das symbolisch für das verlorene Ökosystem Neckar stehen könnte, und es auf einer Meta-Ebene wieder zurückbekommen können, womit sich der Kreis schließe:

  • wenn wir nämlich den Gedanken zulassen: Was verloren ging, kann wieder gewonnen werden,
  • eröffnet es eine Möglichkeit, diesen Fluss mit ganz anderen Augen zu sehen: nicht als etwas, das wir uns weiter untertan machen und ausbeuten, als Eigentum betrachten, das keinen Eigenwert hat, sondern mit dem wir gemeinsam gedeihlich zusammenleben und wir deshalb seine Existenz als solche achten wollen,
  • weil wir erkennen, dass wir Teil dieser Natur sind, von der auch der Fluss ein Teil ist, und das Wohlergehen dieses Flusses auch mit unserem Wohlergehen zusammenhängt,
  • daraus folgt, dass ein Fluss, ein Ökosystem, als lebendige Einheit mit einem Eigenwert und folglich Grundrechten anzusehen ist,
  • unsere Europäische Bürgerinitiative will ein Geschenk an die Natur sein: an all seine Flüsse, Moore, Seen, Berge und Wälder … und dass damit

Der Neckar auch zur Rechtspersönlichkeit wird

KONTAKT

Netzwerk Rechte der Natur e.V.

Ute Blohm-Hieber

M: blohm@pt.lu

eilnehmende des Neckar Tribunals in Warnwesten steigen eine Treppe hinauf. Umgeben von Natur ist im Hintergrund der Neckar zu sehen, für dessen Schutz und Anerkennung als Ökosystem sich die Veranstaltung einsetzt.
Teilnehmende des Neckar Tribunals auf dem Weg durch die verbleibende Natur am Neckar.

KONTAKT

VORSTÄNDIN NETZWERK RECHTE DER NATUR E.V

Christine Ax

+49 ​(0) 151 ​26691150

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