Die Bewegung für die Rechte der Natur wächst und vernetzt die Welt neu.
Die Jahrestagung der internationalen Rechte-der-Natur-Bewegung fand nahezu zeitgleich mit dem Launch der Europäischen Bürgerinitiative in Brüssel statt. Sie zeigte die überwältigende Dynamik und Innovationskraft dieser noch jungen Bewegung.
Von der Antarktis bis zum Amazonas, von indigenen Territorien bis in europäische Kommunalparlamente: Die Bewegung für die Rechte der Natur hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte geografische und inhaltliche Ausweitung erfahren. Die Global Assembly 2026 der Global Alliance for the Rights of Nature (GARN) macht diese Entwicklung sichtbar – und legte Zeugnis ab von einer weltweiten Bewegung, die sich immer globaler aufstellt, vernetzt, diversifiziert und professionalisiert.
Globale Verbreitung: Eine Bewegung auf allen Kontinenten
Im Jahr 2025 lassen sich Aktivitäten und Fortschritte auf nahezu allen Kontinenten beobachten:
- Lateinamerika: weiterhin Motor der Bewegung mit rechtlichen Anerkennungen von Flüssen, Seen und Ökosystemen
- Nordamerika: lokale Initiativen und bioregionale Netzwerke (z. B. rund um die Great Lakes)
- Europa: wachsende Zahl kommunaler Beschlüsse und Kampagnen zu Flüssen und Meeren
- Afrika & Asien: im Aufbau, zunehmend im Fokus strategischer Expansion
- Ozeanräume & Polarregionen: neue Themenfelder, insbesondere durch die Antarktis-Initiative
Auf einer neuen globalen Karte, die den Stand der Bewegung darstellt und bei dieser Gelegenheit vorgestellt wurde, sind inzwischen rund 250 Organisationen zu finden. Die Karte ist eine ideale Ergänzung zum Eco-Jurisprudence-Monitor, der alle Entwicklungen aus juristischer Perspektive sichtbar macht und einordnet. Beide machen deutlich: Wir haben es inzwischen mit einer Vielzahl lokaler Initiativen zu tun – ein sichtbares globales Geflecht.
Wachstum in Zahlen: Struktur, Reichweite und Dynamik
Die Assembly machte auch das strukturelle Wachstum dieser weltweiten Bewegung deutlich. Anfang 2026 gibt es:
- 8 aktive Hubs (5 regionale, 3 thematische)
- ein wachsendes Netzwerk aus Hunderten von Organisationen und Einzelmitgliedern
- internationale Kampagnen mit mehr als 80 Organisationen (z. B. Antarktis-Allianz)
- Beteiligung von über 300 Einzelpersonen allein in einzelnen Kampagnen
- Bildungsprogramme mit mehreren hundert Teilnehmenden sowie eine steigende Präsenz in internationalen Foren und politischen Prozessen
Dieses Wachstum ist nicht zentral gesteuert, sondern basiert auf der Selbstorganisation von Netzwerken, die auf der GARN-Plattform im Austausch sind und diese nutzen, um voneinander zu lernen – ein lernendes Geflecht aus Knotenpunkten, das sich kontinuierlich weiterentwickelt.
Vielfalt der Ansätze: Recht, Kultur, Politik und Praxis
Auffällig ist die große Bandbreite der Aktivitäten. Die Bewegung operiert gleichzeitig auf mehreren Ebenen:
Rechtliche Innovation
- Anerkennung von Ökosystemen als Rechtssubjekte
- Entwicklung neuer Rechtsansätze (z. B. grenzüberschreitende Anerkennung)
- strategische Klagen und Tribunale
- Such-Find-Prozesse mit dem Ziel, angepasste Lösungen für die Repräsentanz der neuen Rechtidentitäten zu entwickeln
Politische Prozesse
- Beteiligung an UN-Foren und Klimakonferenzen
- Einbringung von Deklarationen (z. B. Antarktis, Amazonas)
- Kooperation mit Regierungen und internationalen Institutionen
- Entwicklung regionaler und lokaler Beteiligungsformen und politischer Initiativen
Bildung und Wissen
- Studienprogramme und Trainings
- akademische Netzwerke
- Entwicklung von Materialien und Publikationen
Kulturelle Formate
- Dokumentarfilme
- Buchclubs und künstlerische Formate
- Storytelling-Initiativen
Die Rechte-der-Natur-Bewegung ist nicht nur ein rechtspolitisches Projekt, sondern ein innovativer kultureller Transformationsprozess – juristisch und kulturell Avantgarde.
Innovationskraft: Neue Formate für eine neue Beziehung zur Natur
Besonders deutlich wird die Dynamik in den entwickelten Formaten:
- Tribunale der Natur – Internationale „Gerichte“, die Fälle von Umweltzerstörung verhandeln, mit wachsender politischer Resonanz
- Bioregionale Netzwerke – Initiativen, die sich an Ökosystemen statt an politischen Grenzen orientieren (z. B. Flusssysteme)
- Intergenerationelle Projekte – Verbindung von indigenem Wissen, Jugendbewegungen und Bildung, etwa im Amazonas-Kontext
- Globale Kampagnenräume
- Beispiel Antarktis: Kombination aus Wissenschaft, Aktivismus und Kunst
- offene Beteiligung (Gedichte, Bilder, Stimmen)
- Aufbau einer weltweiten Allianz
- Digitale Infrastruktur
- globale Karten
- digitale Bibliotheken (z. B. Tribunal-Urteile)
- Netzwerkplattformen
Diese Formate zeigen: Die Bewegung experimentiert und entwickelt neue Wege, Recht, Emotion und Öffentlichkeit zu verbinden.
Die indigenen Perspektiven sind ein verbindendes Element
Eine besondere Rolle spielt die systematische Einbindung indigener Perspektiven. Der Indigenous Council von GARN ist kein isoliertes Gremium, sondern wirkt transversal durch die gesamte Bewegung:
- als politische*r Akteur*in auf internationaler Ebene
- als Träger*in anderer Weltbilder und Wissensformen
- als kritische Stimme gegenüber dominanten ökonomischen Modellen
So erhält die Bewegung eine philosophische Tiefe, die über klassische Umweltpolitik hinausgeht.
Neue Horizonte: Ozeane und globale Gemeingüter
Ein weiterer Entwicklungsschritt ist die Ausweitung auf globale Gemeingüter:
- Kampagnen zu Meeren und Küstenräumen
- Initiativen zur Anerkennung der Rechte der Ozeane
- die wachsende Antarktis-Bewegung
Zwischen Netzwerk und Bewegung
Die Global Assembly 2026 zeichnete das Bild einer Bewegung, die sich weder als klassische Organisation noch als lose Initiative beschreiben lässt:
- global vernetzt, aber dezentral organisiert
- inhaltlich vielfältig, aber durch gemeinsame Prinzipien verbunden
- wachsend, ohne ihre Offenheit zu verlieren
Gerade diese Struktur könnte zu ihrer größten Stärke werden: die Fähigkeit, unterschiedliche Kontexte, Wissensformen und Aktionsweisen miteinander zu verbinden.
Ausblick
Mit zunehmender Sichtbarkeit wachsen auch die Herausforderungen:
- Wie lassen sich die vielen Initiativen bündeln und koordinieren, ohne ihre Vielfalt zu verlieren?
- Wie wird aus Innovation politische Wirksamkeit?
Die General GARN Assembly hat deutlich gemacht: Die Rechte der Natur sind längst keine Randidee mehr, sondern Teil einer globalen Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens auf diesem Planeten.