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Worte werden Wirklichkeiten

von Helmut Scheel

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Bild zeigt ein offenes Buch in einer Blumenwiese mit lila Blüten. Symbolisch steht es für die Macht der Worte, die unsere Wahrnehmung der Natur und Mitwelt prägen, wie im Artikel beschrieben. Foto: Rapha Wilde, Unsplash

Die Macht der Worte und ihre Rahmen

Worte sind nicht nur Werkzeuge der Verständigung, sondern Bausteine unserer Wirklichkeit. Sie rahmen, deuten und formen, was wir sehen. Wir erzählen uns Geschichten und beschreiben, was wir gesehen, gehört oder erlebt haben. Unser Gegenüber nimmt dies auf und formt daraus eine Vorstellung von dem Erzählten oder Beschriebenen. Daher ist es entscheidend für den Eindruck, den wir bei unserem Gegenüber hinterlassen wollen, welche Worte wir verwenden. Neudeutsch nennen wir es Framing. Wir rahmen mit Worten ein und erzeugen den Rahmen, der das Bild umgibt und es damit verändert. Ein Bild wirkt in einem pompösen, mächtigen, geschnitzten und zusätzlich vergoldeten Rahmen anders, als wenn nur eine rahmenlose Glasplatte das Bild umgibt.

Wie Sprache Wirklichkeiten prägt

Solche weltbildenden Worte haben eine lange Halbwertszeit. Sie verändern sich nur langsam. Ich möchte dies am Beispiel von Pflanzenschutzmitteln beziehungsweise Pestiziden erläutern. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde allgemein von Pflanzenschutzmitteln gesprochen. Mit ihrem Buch „Der stumme Frühling“ („Silent Spring“) von Rachel Carson und der aufkommenden Umweltbewegung begann sich dies zu ändern. Gerade in den Naturschutzorganisationen begann man von Pestiziden zu reden, während die Politik und damit der Gesetzgeber beim Wort Pflanzenschutzmittel blieb. Erst mit der Übernahme von EU-Richtlinien wie der Richtlinie 2009/128/EG über den Aktionsrahmen für die nachhaltige Verwendung von Pestiziden und der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln fand der Begriff Pestizid Eingang in die deutsche Rechtslandschaft. Nach diesem mühevollen und langen Weg möchte der derzeitige Landwirtschaftsminister Alois Rainer das Rad wieder zurückdrehen und nur noch von Pflanzenschutzmitteln sprechen. Jedem ist klar, was diese Rolle rückwärts bedeutet. Pflanzenschutz hört sich besser an als Gift für Lebewesen. Jedes Wort erzeugt eine andere Wirklichkeit und damit auch die Einstellung zu den Chemikalien. Worte prägen den Umgang damit und schaffen dadurch persönliche Wirklichkeiten.

Von der Umwelt zur Mitwelt

Der Biologe Jakob Johann von Uexküll entwickelte die Idee der Umwelt als subjektive, artenspezifische Wahrnehmungs- und Wirkwelt von Organismen. Dieses Wort wurde später prägend für die Umweltbewegung. Die Natur wurde sprachlich zu unserer Umwelt gemacht. Wenn wir das Wort genau betrachten, bedeutet es alles, was um uns herum ist. Es wird eine Grenze zwischen jedem Einzelnen und uns als Gesellschaft definiert und damit aufgebaut. Der Begriff legt eine Trennlinie nahe: hier „wir“, dort „das Außen“. Das beeinflusst, ob wir Natur als Beziehung oder als Kulisse wahrnehmen. Dies hat eine enorme Wirkung, ähnlich wie bei dem Wortpaar Pflanzenschutzmittel und Pestizid.

Was wäre nun ein adäquates Wort als Ersatz für Umwelt, wird sich jeder fragen. Betrachten wir die Natur, und keiner wird daran zweifeln, dass wir ein Teil von ihr sind. Als Teil der Natur leben wir mit ihr. Und entscheidend ist das Wort „mit“. So wie wir in einer Haus- oder Wohngemeinschaft mit anderen leben, so leben wir mit der Natur und letztlich sogar durch sie. Bleiben wir aber bei der Haus- und Wohnungsgemeinschaft. Dort reden wir von Mitbewohnern. Keiner kam bisher auf die Idee, die mit uns Wohnenden in einer solchen Gemeinschaft als Umbewohner zu bezeichnen. Daraus lässt sich eine sprachliche Korrektur ableiten: statt „Umwelt“ – „Mitwelt“. So wie Uexküll das Wort Umwelt einbrachte, so war es Klaus Michael Meyer-Abich bereits 1990, als er die Mitwelt als bewussten Kontrapunkt zur Umwelt nutzte. Wir leben schließlich mit allem, was uns umgibt, so wie wir in einer Wohngemeinschaft mit den anderen leben. Das bedeutet: Wir existieren nur im Zusammenwirken mit lebendigen Systemen. Alles in der Natur lebt und wirkt mit uns zusammen. Und noch wichtiger: Auf Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft kann man eventuell verzichten, manchmal auch aus finanziellen Gründen nicht. Auf die Natur, in der wir leben, können wir aber nicht verzichten.

Die soziale Dimension der Mitwelt

Wie sehr diese differenzierte Betrachtung von Umwelt und Mitwelt unsere Lebenswirklichkeit und Einordnung prägt, möchte ich in einem weiteren kleinen Exkurs erläutern. Es ist unzweifelhaft, bei einer Wohngemeinschaft von einer Gemeinschaft zu sprechen. Bei Familien sprechen wir ebenfalls von Gemeinschaften. Solche Gemeinschaften sind die Basis für unsere Gesellschaft und damit für das Soziale insgesamt. Betrachten wir etymologisch das Wort sozial. Es bedeutet „die Gesellschaft betreffend, gesellig“ und stammt aus dem Französischen social, welches wiederum auf das lateinische socius zurückgeht. Socius bedeutet „teilnehmend, in Verbindung stehend, zugesellt“. Das heißt, im Lateinischen steht das Teilnehmende und Verbindende im Vordergrund. Die Wortgeschichte ist kein Beweis, aber sie öffnet einen Deutungsraum: sozial als das Verbindende.

Ergänzen wir nun auf Basis dieser Wortgeschichte unsere Betrachtung der Mitwelt. Bei den Mitbewohnern haben wir von einer Gemeinschaft gesprochen und weitergehend bei mehreren Gemeinschaften von Gesellschaft. Die Gesellschaft betreffend wird als sozial im Französischen gesehen. Wenn nun unsere Mitwelt aus verschiedenen Gemeinschaften besteht – und daran, dass es so ist, dürften keine Zweifel bestehen –, ist die logische Konsequenz, dass unsere Mitwelt und damit die Natur zu unseren sozialen Beziehungen gehört. Daraus ergibt sich eine weitreichende Folge: Unsere Mitwelt ist Teil unseres sozialen, gesellschaftlichen Systems. Auch dies ist keine aufoktroyierte Interpretation oder Wunschvorstellung, sondern harte Realität. Warum? Weil wir Menschen in einer zwingenden und unauflöslichen Abhängigkeit leben, was wiederum niemand bezweifeln dürfte. Als Beispiele können wir betrachten: Wenn Wasser knapp wird, entstehen Verteilungskonflikte, Regeln und Kostenfragen. Wenn Hitze zunimmt, verändern sich Gesundheitsschutz, Stadtplanung und Arbeit. Wenn Böden degradieren, wird Ernährungssicherheit zur sozialen Stabilitätsfrage.

Allerdings schließen wir unsere Mitwelt in Form der Natur aus unseren sozialen Betrachtungen aus. Wir separieren sie, weil wir in der historischen Entwicklung, speziell im Zuge der Aufklärung, begonnen haben, alles in Einzelteile zu zerlegen. Bei Descartes wurden Tiere und der Mensch als aus Teilen zusammengesetzte Maschinen gesehen. Noch heute sind die unterschiedlichen Wissenschaften häufig damit beschäftigt, immer kleinere Teile des Ganzen detailliert zu untersuchen. Gregory Bateson griff diese Kritik in „Steps to an Ecology of Mind“ auf. Die Zerlegung eines Systems in Teile zerstört die emergenten Eigenschaften, die erst im Zusammenwirken entstehen, wie das Fliegen eines Vogels oder das Bewusstsein eines Gehirns.

Konsequenzen für Politik und Recht

Verfolgen wir die Logik unseres Ansatzes, dass die Natur als Mitwelt – nicht metaphorisch – Teil unseres sozialen Systems ist, weiter, ergeben sich daraus fundamentale Änderungen unserer Sichtweise auf die Welt. Unsere Sozialpolitik würde nicht mehr allein uns Menschen betreffen, sondern unsere gesamte Mitwelt. Unser Rechtssystem muss Mitweltbeziehungen rechtlich und organisatorisch verankern, damit Schutz nicht nur Appell bleibt. Rechte der Natur sind dabei ein mögliches und global bereits erfolgreiches Modell. Sie sind nicht bloß ein Klageinstrument und möglicherweise nicht die einzige Form.

Sprache als Schlüssel zur Mitwelt

Das Fazit aus unserem Exkurs: Wenn wir unseren Erkenntnissen trauen und Worte so verwenden, wie sie sind und was in ihnen steckt, entsteht eine Wirklichkeit, die unsere Lebenswelt real widerspiegelt. Unsere anthropozentrische Sprachverformung hat uns eine verschobene und verzerrte Wirklichkeit wahrnehmen lassen. Diese Wahrheit hat uns und unsere Gesellschaft geprägt. In manchen indigenen Traditionen und nicht-westlichen Kosmologien wird Natur weniger als Außenraum gedacht, sondern als Beziehung. Von diesen Kulturen können wir lernen. Lassen wir uns wieder von den Lebenswirklichkeiten leiten und passen unsere Sprache ihnen an. Dann können sich Wahrnehmungen verschieben und damit auch die Bereitschaft, Mitweltbeziehungen verantwortlicher zu gestalten. Sprache ist kein Spiegel, sie ist Werkzeug: Erst wenn wir die Mitwelt sprachlich begreifen, können wir beginnen, mit ihr zu leben, nicht nur über sie zu sprechen.

 

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