Buchbesprechung

Natur und deutsche Geschichte: Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht

von Christine Ax

Buchcover zur Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ zeigt einen Wald vor einem großen Vollmond als Symbol für Natur, Geschichte und kulturelle Deutung von Natur

Das nachfolgend besprochene Buch wurde anlässlich der im November 2025 eröffneten Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte – Glaube, Biologie, Macht“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin herausgegeben.

Der Ort erscheint vielversprechend. Denn wo, wenn nicht in diesem Museum, darf man fundiertes Wissen und Orientierung erwarten?

Im Museum selbst präsentiert sich die Ausstellung derzeit noch bis zum 6. Juni auf erstaunlich kleinem Raum mit einer überschaubaren Zahl an Exponaten. Die Ausstellung beginnt im Mittelalter und endet mit der Anti-Atombewegung.

In dem 223 Seiten starken Buch werden alle Stationen der Ausstellung mit ausgewählten Fotos der Exponate dokumentiert und durch Interviews und Kurztexte ergänzt. Der Schwerpunkt liegt auf Verständlichkeit. Man möchte den Leserinnen und Lesern nicht zu viel zumuten.

Die Ausrottung der Naturreligionen bleibt außen vor

Der Zeitraum wurde leider so gewählt, dass die Ausrottung der Naturreligionen und die Brutalität, mit der die katholische Kirche über Jahrhunderte alles Heidnische verfolgte, fehlen. Schade ist auch, dass nur zwei unscheinbare kleine Kästen, die das Artensterben der Biene dokumentieren, das Ausmaß der sich abzeichnenden Biodiversitätskrise andeuten.

Das Buch liefert aber auch Stoff zum Nachdenken. Vor allem erschließt sich dem Leser, in welchem Umfang Natur immer mehr zu einem Mittel zum Zweck wurde: nicht nur als Lebensgrundlage und Rohstofflager, sondern auch um politische Ziele zu erreichen, Lebensgefühle zu formen und Weltbilder zu beeinflussen.

Natur als „natürliche Ordnung der Dinge“

Kuratorin Julia Voss weist gleich zu Beginn des Buches darauf hin, dass der Begriff Natur im Lateinischen „die angeborene Beschaffenheit, das Wesen oder die natürliche Ordnung der Dinge“ bedeutet. Es ist der Mensch, der diese natürliche Ordnung durcheinanderbringt oder zerstört.

Der Sündenfall in der Bibel macht deutlich, dass der Mensch allein durch seine Existenz für diese natürliche Ordnung eine Bedrohung darstellt. Sie verweist darauf, dass Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert darauf hinwies, dass der Begriff „Sünde“ seinen Ursprung in den Begriffen „sich absondern“ und „sich entfremden“ habe.

Mittelalter: Beseelte Natur

Die Informationen über Hildegard von Bingens Werk und ihre „Grünkraft“ sind ebenfalls lehrreich. Für sie und ihre Zeitgenossen war Natur noch beseelt und dem Menschen gegenüber freundlich gesinnt.

Sie war, mit Erlaubnis des Papstes, die erste Frau, die die Natur systematisch beobachtete und dokumentierte. Ihre Kenntnisse verdankte sie nach eigener Einschätzung nicht so sehr dem eigenen Geist oder Beobachtungsvermögen, sondern dem „Heiligen Geist“.

Auf Bildern sieht man rote Flammen, die ihren Kopf umhüllen, während sie in tranceähnlichen Zuständen ihr Werk verfasst. Wir verdanken ihrem außergewöhnlichen Geist bis heute vieles.

Natur als Allmende

Lehrreich ist auch das Kapitel Fischerei am Bodensee. Der Fischreichtum des Bodensees war außergewöhnlich. Vor allem das heiß begehrte Fellchen, ein besonders schmackhafter Fisch, der nur im Bodensee lebt, war sehr beliebt und als bezahlbare Eiweißquelle für Arm und Reich unverzichtbar.

Da die Fische des Bodensees eine Allmende („Gemeinschaftsbesitz“) waren, sorgten Fischmeister, Marktmeister und Bürgermeister gemeinsam dafür, dass nicht mehr Fisch entnommen wurde als nachwuchs. Fischerei- und Marktordnungen wurden regelmäßig neu verhandelt und angepasst.

Ein über einen langen Zeitraum funktionierendes Beispiel für eine soziale und ökonomische Ordnung, die sich in den Grenzen der Natur zu bescheiden und zu organisieren wusste.

2024 musste die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei ein komplettes Fangverbot für Fellchen verhängen. Nach drei Jahren zeigt sich nun eine mögliche Erholung des Bestands.

Natur braucht Miteinander

Maria Sibylla Merian veröffentlichte 1679 das Werk „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“. Sie dokumentierte die Lebensräume und Metamorphosen zahlreicher Insekten und trug entscheidend zur Entwicklung der Naturgeschichte als Wissenschaft bei.

Ihr Fokus lag auf den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihren Lebensräumen statt auf reinen Klassifizierungen und Hierarchien.

Industrialisierung

Die Industrialisierung ermöglichte tiefgreifende Eingriffe in Naturprozesse. Die Umgestaltung des Rheins zu einem schiffbaren Kanal zwischen 1817 und 1876 verkürzte seinen Lauf um 81 Kilometer und veränderte die Auenlandschaften massiv.

Dies führte zu gravierenden ökologischen Folgen, darunter der Verlust von Lebensräumen, Veränderungen des Grundwasserspiegels und Auswirkungen auf Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung.

Natur im Dienste des Nationalismus

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Natur zunehmend zur Konstruktion nationaler Identität genutzt. Symbole wie die „Deutsche Eiche“ oder der Eichenkranz standen für nationale Einheit und Abgrenzung.

„Je mehr das Germanentum beschworen wurde, desto weiter breitete sich der Wald als mythischer Fantasieraum aus“.

Natur wurde zugleich als Raum von Freiheit und Gemeinschaft inszeniert, aber auch zur Legitimation von Herrschaft und Ungleichheit verwendet. Der Nationalsozialismus trieb diese Ideologisierung weiter auf die Spitze.

Natur im Dienste von Wirtschaft und Weltbildern

Natur wurde nicht nur ausgebeutet, sondern auch ideologisch genutzt, um politische und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Dabei dienten Naturbilder auch zur Legitimation sozialer Rollen, etwa im Kontext von Geschlechterbildern.

Natur im Dienste des Naturschutzes

Auch der Naturschutz selbst ist historisch nicht frei von politischen Verstrickungen. Insbesondere die Verbindung von Naturschutz und ideologischen Strömungen des 20. Jahrhunderts wurde erst spät kritisch aufgearbeitet.

Unterschiedliche Traditionen im Naturschutz zeigen bis heute verschiedene Zugänge zu Wildnis, Landschaft und Artenschutz.

Natur als Maschine

In der Nachkriegszeit wurde Natur zunehmend unter dem Blickwinkel von Umweltverschmutzung und industriellen Folgen betrachtet. Themen wie Luftverschmutzung, Bergbau und industrielle Tierhaltung rückten in den Fokus.

Unterschiedliche politische Systeme entwickelten dabei unterschiedliche Narrative zwischen technischer Fortschrittserzählung und romantisierender Darstellung von Natur.

Natur als unverzichtbare Lebensgrundlage

Mit der Anti-Atomkraftbewegung, mit der die Ausstellung endet, entsteht ein neues Bewusstsein für Natur als schützenswerte Lebensgrundlage. Daraus entwickelt sich eine breitere gesellschaftliche Bewegung, die später zentrale Impulse für die Umweltbewegung gibt.

KONTAKT

VORSTÄNDIN NETZWERK RECHTE DER NATUR E.V

Christine Ax

+49 ​(0) 151 ​26691150

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